Artikel von Bernard Seillier über p. MD Philippe

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Pater Marie-Dominique Philippe ermöglichte einer sehr großen Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen, in einer von Ideologien und wirklichkeitsfremden Vorstellungen heimgesuchten Zeit den festen Boden des realistischen Denkens und den Sinn des tatsächlich Realen wiederzufinden.

Die erste Philosophie, die Metaphysik, die Philosophie des Seins, war der evidente und beständige Weg zur Rettung des menschlichen Verstandes. Er verstand es, ihr das Fleisch und die Wärme zu geben, die die scholastische Praxis manchmal zu verlieren drohte. Sein auf Aristoteles und Thomas von Aquin gestütztes philosophisches Denken entfaltete sich in einem von heiligen Johannes inspirierten theologischen Denken.


Die Kohärenz in dieser doppelten Vorgehensweise regte einige seiner Philosophiestudenten auf der Fribourger Fakultät an, ihn zur Gründung einer neuen Ordensgemeinschaft, der Sankt-Johannes-Gemeinschaft, zu drängen. Das konnte nur sinnvoll sein, wenn in der Zeit der Apostasie, in die wir eingetreten sind, die Kirche tatsächlich eine neue Form des geweihten Lebens brauchte. Christi Satz an den heiligen Petrus über den heiligen Johannes: „Wenn ich will, dass er bis zu meinem Kommen bleibt, was geht das dich an?“, begründete seine Überzeugung der Zweckmäßigkeit einer Gemeinschaft, deren Aufgabe es ist, das Öl zu bewahren, damit bei der Rückkehr des Bräutigams die Lampen noch brennen. Marthe Robin, der er sein Zögern, sich in diese Initiative zu stürzen, anvertraut hatte, ermutigte ihn dazu. Er behielt sein weißes Ordensgewand als Bruder des Predigerordens, während die Brüder und Schwestern der Sankt-Johannes-Gemeinschaft ein graues Ordensgewand tragen. Seine Langlebigkeit selbst schien gleichsam eine Bestätigung der Absicht Christi mit dem heiligen Johannes zu sein.

Sein Hinscheiden kann unsere Wachsamkeit für die heutige Zeit nur verstärken. Es kann nicht unbedeutend sein, wenn man weiß, dass sein Leben selbst ein langer Aufschub war, der mehr uns als ihm gegeben wurde. Ihm, der die Zeichen eingehend erforschte und so sehr die Ohren spitzte, um das Herannahen des Kommenden zu erkennen und dessen Stimme zu hören.

Wer drang mehr als er in das Herz des geliebten Jüngers Johannes ein, wer betrachtete mehr als er das Geheimnis des Vaters, das Geheimnis Mariens und wer erforschte mehr als er das Mysterium Josefs? War er nicht selbst der treue Freund des Bräutigams geworden, der dem Lamm folgte? War nicht seine heisere, aber nicht verfälschende Stimme notwendig für den Geist und seine befeiende Macht? Lieber ein Murmeln als ein Orkan dröhnender Beredsamkeit ?

Die Ungläubigkeit der Welt rief in ihm eine Energie wach, die die sichtliche Zartheit seines Körpers nicht ahnen lassen konnte. Bis zum Ende betrieb er seine Suche nach der Wahrheit beharrlich weiter und führte seine Zuhörer auf den Weg der drei Weisheiten: der philosophischen, der theologischen und der mystischen. Philosophen, Exegeten, Ordensleute, Laien, Väter und Mütter, Geschäftsleiter, Künstler, Verletzte, Kranke und Gesunde, Professoren und Schüler, Mächtige und Außenseiter, alle konnten früher oder später Pater Marie-Dominique Philippe auf einen der Wege zur Liebe der Wahrheit begegnen, von denen er das Gestrüpp entfernt hatte.

Nichts von der Wirklichkeit des menschlichen Lebens war ihm fremd und alles wurde von ihm im Licht der Fruchtbarkeit der brüderlichen Liebe erhellt. So wurden die Anforderungen an die Mitarbeit am Schöpfungswerk begründet. Sei es mit ihm in Patmos auf den Spuren des heiligen Johannes, in Rom zu einem Jubeljahr oder auf Exerzitien in Paray le Monial, in Rimont oder in Saint Jodard, an der Sorbonne bei einem Streitgespräch mit einem der brillantesten heutigen Hegelianer oder in einem der unzähligen Gespräche oder Vorträge, von denen Tausende von uns profitiert haben, Pater Marie-Dominique Philippe führte uns zur Quelle lebendigen Wassers. Durch ihn empfingen Herz und Verstand einen Vorgeschmack auf das seligmachende Leben.

Seine Metaphysik des Konkreten setzte die natürlichen Wirklichkeiten immer wieder in das Licht ihrer wahren Finalität. So auch die Freundschaftsliebe, die für mich ein kostbares Licht für das politische Leben bleibt. Pater Marie-Dominique Philippe schien unerschöpflich zu sein. Alle fragten ihn und vertrauten ihm ihre Sorgen, ihren Kummer und ihre Fragen an, ohne daran zu denken, dass er selbst vielleicht auch eine Last hatte, die er gern mit jemandem teilen würde. Niemals klagte er. Ich habe ihn niemals das geringste Schlechte von irgend jemandem sagen hören, auch nicht von denen, die ihm Schläge versetzten, körperliche mit einbegriffen, wie in jenem Ostblockstaat, in den er sich begeben hatte, um Ordensschwestern zu schützen, die er insgeheim in sein Herz geschlossen hatte und die in Frankreich nur von Kardinal Decourtray aufgenommen wurden.

Dennoch kannte er alle Vaterängste um seine Kinder der Familie des Heiligen Johannes. Er beklagte sich nie darüber, dass die kanonischen Formen noch nicht anerkannt waren, worauf ein Gründer einer Kongregation in berechtigter Weise hätte hoffen können. Seine Liebe zur Kirche überschritt diese Banalitäten.

Er hätte sich tief verletzt fühlen können, bald ein „Guru“ genannt zu werden, bald beschuldigt zu werden, unter dem Einfluss einiger Geister zu stehen, die daran gewöhnt sind, die menschlichen Wirklichkeiten nach soziologischen, ja sogar geistigen und nicht übernatürlichen Gesichtspunkten zu entschlüsseln. Seine Wunden waren in denen des Lammes verborgen. Nichts von dem, was auf ihn zielte, drängte ihn zum Reagieren. Allein der Schutz seiner Söhne und Töchter und insbesondere der Kleinsten und Ärmsten ließ ihn aus seiner Reserve herausgehen.

In der letzten Woche seines Erdenlebens hatte er das Geheimnis Christi so sehr betrachtet, dass er mit Ihm gekreuzigt und als lebendige Hostie geopfert war. In der eucharistischen Kommunion, deren Fruchtbarkeit er so oft rühmte, bleibt er uns über seine körperliche Abwesenheit hinaus gegenwärtig.

„Wenn die Fundamente zerstört sind, was kann dann der Gerechte noch tun?“

Glücklich sind jene, die Pater Marie-Dominique Philippe kennen gelernt haben und auf sein Wort bedacht bleiben, denn es war auch das eines Propheten. Wie alle Propheten erlebte er Verfolgungen. Als Prophet der letzten Woche, der des Leidens, blieb er stumm wie das geopferte Lamm. Als Freund des geliebten Jüngers war er einer der mystischen Propheten, die die Worte des letzten Buches bewahren.

Mögen diese paar Zeilen die Leser dazu anregen, Pater Marie-Dominique Philippes Werke zu entdecken bzw. wiederzuentdecken. Sie werden dort die realistische Philosophie, die Theologie der Barmherzigkeit und den mystischen Glauben an die göttliche Kindschaft finden und sich mit ihm vorbereiten, um zum Saal des Hochzeitsmahles des Lammes zu gelangen.

Bernard Seillier, Senator